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„Vergessener Widerstand in Münster“

04. Okt 2026

Gesprächsabend in St. Clemens Hiltrup

Ist es wichtig, auch 81 Jahre nach Beendigung des 2. Weltkrieges derer zu erinnern, die dem Faschismus widerstanden haben? Dass der Krieg und seine Vorbereitung sinnlos waren, haben schon früh sehr viele Menschen erkannt und aktiv und im Hintergrund dem widerstanden. Selbst motiviert durch den stillen, aber sehr langen und mutigen Widerstand ihrer Eltern lernte Margarete Zumkley von der Basisgruppe Pax Christi Münster Friedhelm Redlich und dessen akribische Forschungen über den vergessenen Widerstand in Münster kennen. Und so vermittelte sie einen wichtigen Impuls für den Friedenskulturmonat in Münster: Pax Christi Basisgruppe, die Friedenskooperative und der Kulturverein Frauenstraße 24 veranstalteten am 18.9. 26 einen Abend mit 130 Zuhörern und dem Autoren Friedhelm Redlich. Seit einigen Jahren durchforstet er Bundes-, Landes- und Stadtarchive nach Akten, welche Aufschluss geben über den bisher weitgehend vergessenen Widerstand in Münster während der NS-Zeit sowie über die Wiedergutmachungsverfahren bis in die späten 1960er Jahre hinein. Auf etwa 10.000 Aktenseiten hat er erstaunliche Informationen über etwa 100 Münsteraner gefunden, die in irgendeiner Form von den Nationalsozialisten und der willfährigen Polizei und Justiz wegen ihrer Aktivitäten verfolgt wurden.

Ein berührendes Lebenszeugnis seines Großvaters vermittelte zu Beginn des Abends Udo Weiss, Leitender Polizeidirektor a. D. aus Münster. Mit seiner freundlichen Genehmigung dürfen wir Auszüge aus seinem Beitrag veröffentlichen:

„Heinrich Harms war und ist mein Großvater, den ich persönlich nie kennen lernen konnte. Heinrich Harms, eine stattliche Persönlichkeit, oftmals verglichen mit Hans Albers, dem der Raum gehörte, wenn er ihn betrat, den ich aber nie selbst erleben durfte. Heinrich Harms, der im Juli 1930 unter eigener Lebensgefahr auf dem Horstmarer Landweg in Münster einer Mutter und ihrem Kind bei einem Wohnhausbrand ihr Leben gerettet hat. Er selbst trug schwere, bleibende

Verletzungen davon, wie die Münstersche Zeitung zweimal berichtete.

Heinrich Harms war ein Mann mit vielen Geschichten, die er mir aber nie selbst erzählen konnte. Doch geblieben ist sein Vermächtnis, das mich auch in den 45 Jahren meines Berufslebens als Polizist stets begleitet hat.

Er wurde am 16.9 1900 in Extum, Kreis Aurich, geboren. Im Ersten Weltkrieg war er Soldat in den Vogesen. Später machte er eine Lehre als Maurer, „weil man so leichter an Arbeit kam“. Es zog ihn nach Münster, wo er 1928 mit meiner Oma Hedwig, eine geborene Lienemann, Ostfriesin und der wohl liebevollsten und selbstlosesten Person, die ich je kennen gelernt habe, die Ehe schloss.

Manchmal wachte ich auf, weil Oma im Schlaf wild phantasierte, manchmal auch schrie. Das sind Alpträume vom Krieg, sagte dann meine Mutter. Damit war es dann auch erledigt - ein Stück Normalität? Für Oma Hedwig sicherlich nicht. De facto war es so, dass meine Oma und ihre kleine Tochter während der U-Haft meines Opas von der Gestapo nahezu jede Nacht aus dem Schlaf gerissen und an die Wand gestellt wurde; sie und das ganze Haus wurden durchsucht. Dies, die stetige Ungewissheit über ihren Mann, schließlich sein Tod und das Überleben mit einem Kind im Bombenhagel hatten sie geprägt.

Gemeinsam mit seiner Frau gründete Heinrich Harms hier in Münster an der Steinfurter Straße 22, später in der Aegidiistraße 51, ihre Fischhandlung „Nordseehalle“. Sie unterhielten Kontakte zu jüdischen Familien und so lernte Hedwig auch bei ihnen koscher kochen. Mehrfach gab es von Freunden und Verwandten Warnungen wegen des Abhörens des englischen Feindsenders und wegen der Unterstützung jüdischer Familien, die stets über den Hinterhof und die Hintertür eingelassen und mit Lebensmitteln versorgt wurden.

Am 04.02.1943 erfolgte nach Verrat die Verhaftung, gefolgt von 5 Monaten und 19 Tagen Untersuchungshaft, die Großteils in der Gutenbergstraße 17, der Leistelle der Gestapo in Münster stattfand. Von hier aus erfolgte die Überwachung und Ausspionierung der Bevölkerung und vermuteter Widerstandsbewegungen. Hinzu kam die Überwachung der Feindpropaganda und die „verschärfte Vernehmung“ von Verdächtigen, ein Fachbegriff der Gestapo für die Anwendung grausamer Folter.

Als ich 1979 als junger Polizeikommissar und Dienstgruppenleiter der Polizei Münster meinen Dienst antrat, konnte ich im Gebäudekeller noch die engen Zellen und die zum Anketten notwendigen Beschläge finden. Im Hinterhof gab es Garagen, über die getötete Gefangene abtransportiert wurden. Eine ungewohnte Erfahrung, denn:

Meine Oma war mehrfach an der Gutenbergstraße, hat versucht etwas über ihren Mann, Heinrich Harms, in Erfahrung zu bringen und hat Lebensmittel übergeben. Beides war erfolglos. Sie hat in diesen schrecklichen 5 Monaten nichts über ihren Mann erfahren. - eine Zeit voller Ungewissheit.

Schließlich erfolgte vom Juli bis Sept.1943 über mehrere Stationen die Verlegung nach Hamm und hier durch das OLG Hamm am 23.07.1943 eine Verurteilung wegen Vorbereitung zum Hochverrat, Zersetzung der Wehrkraft und Abhören von Feindsendern zu 5 Jahren Zuchthaus. Am 12. Mai 1944 fand der Wachtmeister Eduard Gebser den leblosen Körper von Heinrich Harms im Konzentrationslager Börgermoor und verständigte den Lagerarzt. Dieser, Reg. Med. Rat Dr. med. Hillmann, stellte offiziell den Tod fest und vermerkte in der Sterbeurkunde: „Heinrich Harms, lutherisch, 44 Jahre, Tod durch schwere Mangelerscheinungen.

Das Gerichtsurteil des OLG Hamm vom 23. Juli 1943 ist durch Entscheid des

Generalstaatsanwaltes Hamm vom 16. Juni 1955 aufgehoben worden.

Heinrich Harms wurde nur 43 Jahr alt. Er lebte nur kurz, dennoch gab er Vielen sehr viel. Er war ein liebenswerter Mensch, mein Opa, den ich selbst nie kennen lernen durfte, dessen Haltung und Moral mich dennoch mein ganzes Leben begleitet hat und den man nicht vergessen sollte.“

Nach den Ausführungen von Udo Weiss spielte Frank Lienemann, ein Neffe von Heinrich Harms, auf dem Saxophon eine Variation der Melodie „ Die Moorsoldaten“ - ein Lied, das die Häftlinge im KZ Börgermoor sangen. Die zunächst traurig klingende Melodie wurde aufgebrochen zu einem hektischen, nach sehr heftigen Einschlägen klingenden Sturm und erinnerte auf diese Weise an die Erfahrungen im KZ.

Im darauffolgenden Vortrag von Friedhelm Redlich wurde daran erinnert, wie sofort nach der Machtübernahme und dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 die Nationalsozialisten gegen ihre Gegner auch in Münster vorgegangen sind.

Nach massenhaften Verhaftungen und Verhören unter Folter im Gestapogefängnis

Recklinghausen wurden mehre Prozesse wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ angestrengt. In dieser ersten Welle wurden etwa 60 Personen zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt und oftmals nach Verbüßung der Haft weiter in Konzentrationslagern oder ab 1943 auch im Strafbataillon 999 eingesetzt, wo sie sich „vor dem Feind bewähren“ sollten (z.B. in Afrika und Osteuropa). In den Wiedergutmachungsverfahren nach Kriegsende versuchten die Verfolgten teils vergeblich eine Anerkennung und Rehabilitation für das erlittene Leid zu erreichen. Wer z.B. schon vor der Machtergreifung im Mai 1933 im Widerstand gegen Nationalsozialisten engagiert war, hatte unverständlicherweise durch diesen „vorzeitigen“ Widerstand oftmals seinen Anspruch auf Wiedergutmachung verwirkt. Die Bearbeitung von Anträgen auf Wiedergutmachung dauerte manchmal mehr als zehn Jahre.

Folgend erinnerte Friedhelm Redlich an das Schicksal ausgewählter Personen und ihre Lebensläufe, darunter auch an das Schicksal des Schuhmachermeisters Emil Dahlmann aus Hiltrup: „Er wird 1933 in Schutzhaft genommen und flieht nach seiner Entlassung in die Niederlande. Vor dort organisiert er den Transport von ‚illegalen’ Druckschriften gegen den Nationalsozialismus ins Münsterland. Bei einer dieser Touren wird er 1936 verhaftet und zu 6 Jahren Zuchthaus verurteilt und kommt im März 1942 ins KZ Dachau. Nach dem Krieg lebt er weiterhin in Hiltrup. Seine letzte Anschrift vor seinem Tod im Jahr 1960 war die ehemalige Münsterstraße (heute Hohe Geest) 19.“

Die abschließende Frage- und Diskussionsrunde war durch großes Interesse, durch Bereitschaft zuzuhören und die Suche nach aktuellen Bezügen für unsere gegenwärtige Situation in der Bundesrepublik geprägt.

„Was machen diese ausführlichen Informationen jetzt mit uns? Sehen wir uns nur als Betrachter oder weckt dieses Wissen uns auf zu eigenem Widerstand - und in welche Richtung? Kann ich heute überhaupt Widerstand leisten, oder habe ich Angst vor Sanktionen? Wie kann ich mich innerlich stärken? Woher bekomme ich Kraft? Und kann ich selbst etwas dafür tun, dass ich in verrückten Zeiten, die durch Ohnmachtserfahrungen ound Ratlosigkeit gekennzeichnet sind, eine innere Stärke entwickle? Es gibt ja nicht nur politischen Widerstand, sondern auch

menschlichen Widerstand - und haben dies nicht viele der vorgestellten Lebensläufe bezeugt? Diese einfachen Menschen haben keine Bomben geworfen, sie hatten keine Gewehre; vielmehr druckten sie Flugblätter und halfen verfolgten Menschen, Menschen in Not und Juden, solange sie dies vermochten und nicht selbst ins Zuchthaus kamen. Und wenn man ihre Lebensläufe ganz konkret wahrnimmt, sieht man dann vielleicht die eine oder andere Parallele zu heutigen Erfahrungen von Unfreiheit oder Angst vor Zivilcourage?“

Ein intensiver Austausch der ca. 130 Zuhörer konnte erfahrbar machen, dass das Hören auf Biografien und das Teilen von Eindrücken und Empfindungen dabei uns selber eine Weite schenken kann, in die wir alleine nicht kommen könnten. 

Anfragen und ergänzende Infos bzgl. eigener Erinnerungen an Personen, die im Widerstand gegen Nationalsozialisten waren, senden Sie gerne an den Referenten: friedhelm@redlich.me. Sein Buch über den vergessenen Widerstand in Münster soll nächstes Jahr erscheinen.

Weitere Infos sowie die noch unvollständige Liste der Verfolgten finden Sie unter:

https://www.redlich.me/widerstand/

Vertiefende Hinweise können den 2 Podcasts Von Udo Weiss entnommen werden:

https://www.hiersprachdiepolizei.de/episode/achtzig-jahre-nach-dem-zweiten-weltkrieg-vergessene-helden

https://www.hiersprachdiepolizei.de/episode/achtzig-jahre-nach-dem-zweiten-weltkrieg-lehren-aus-der-geschichte